Erschienen bei Zeit Online, 08. November 2021
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In der ersten Folge der Netflix-Mini-Serie Maid sitzt die junge Mutter Alex, gespielt von Margaret Qualley, vor einer Sozialarbeiterin, die kleine Tochter mit Kopfhörern auf ihrem Schoß. Sie sucht nach einem Dach über dem Kopf, nachdem die beiden im Auto übernachten mussten. Denn Alex flüchtete in der Nacht zuvor überstürzt vor ihrem alkoholkranken und cholerischen Freund. Als die Sozialarbeiterin sagt, dass es noch nicht zu spät sei, die Polizei zu rufen, entgegnet Alex: „Um zu sagen, dass er mich nicht geschlagen hat?“ Und ergänzt später: „Ich wurde nicht missbraucht.“
Das ungläubige „Okay…“ der Sozialarbeiterin, das darauf folgt, spricht Bände, denn das, was Alex ausspricht, zeugt von einem allgemein verbreiteten Missverständnis bei Betroffenen: Nicht nur körperliche Übergriffe sind Misshandlungen, sondern gleichermaßen psychische Gewalt, die durch Schreien, Erniedrigung, Ausübung von Druck, Manipulation und auch Schweigen vollzogen werden kann. War es denn wirklich so schlimm? Bei wem liegt das Bemessen dessen, was ein Übergriff ist? Was für die eine Person in Ordnung ist, kann für die andere eine extreme Verletzung darstellen. Insofern sollten die Betroffenen ein Recht auf ihre eigene Geschichte haben. Ich frage mich: Wie können wir uns aus dem Korsett des Schweigens befreien, das uns in solchen Situationen auferlegt wird? Und wie erlangen wir wieder Besitz über unser eigenes Narrativ?
Lange habe ich solche Formen der Gewalt bei mir selbst kleingeredet. „Stell dich nicht so an, ja, was stell ich mich denn so an“, dachte ich und übte mich in Verdrängung. Vor einigen Wochen begleitete ich eine Freundin zu einer groß angelegten Post-Corona-Geburtstagsfeier, als mich eine unerwartete Begegnung aus der Vergangenheit kalt erwischte. Ich hatte lange keinen Gedanken mehr an diese Person verschwendet, bis sie plötzlich vor mir stand und mich ansprach. Direkt durchströmte mich ein starkes Unbehagen. Es war eine Person, mit der ich vor einigen Jahren eine Beziehung führte, zu einem Zeitpunkt, der bis dato der Tiefpunkt meines Lebens war.
Ich denke an mein Aufwachsen als postmigrantisches, weiblich gelesenes Kind in Deutschland und frage mich, ob darin die Antwort auf die Frage verborgen liegt, warum ich mich nicht früher zur Wehr gesetzt habe. Für mich gab es kein Narrativ, kein gedankliches Gebäude, in dem ich mich hätte zu Hause fühlen können. Ich war in Deutschland geboren, meine Eltern kamen beide aus dem ehemaligen Jugoslawien. Dort, wo sie herkamen, herrschte ein zerrissener Krieg, und hier zerriss ich.
Meine Eltern schickten mich damals in den Kindergarten, ohne dass ich ein Wort Deutsch sprach. Der Übergang war fließend. Schnell freundete ich mich mit den deutschen Kindern dort an. Trotzdem gab es immer wieder eine spitze Bemerkung, wenn ich ein Wort nicht wusste oder etwas nicht verstand. Wahrscheinlich entwickelte ich deswegen den Ehrgeiz, die deutsche Sprache so zu perfektionieren, dass ich nicht mehr angreifbar sein konnte.
Anpassung wurde zu meiner Überlebensstrategie. Meine Umwelt sagte mir, wer ich zu sein hatte und ich erfüllte die Aufgabe bravourös. Marija Latković beschreibt in dem Essay Anders sein, trotzdem dazugehören, wie das eigene Selbstbild (post)migrantischer Personen von der Perspektive der anderen bestimmt wird. Die Fremdbestimmungen der anderen beinhalten zwangsläufig das Verkennen der eigenen Bedürfnisse. In meiner Familie wurden Widerstand und Wut negativ konnotiert – wir wollten ja nicht noch mehr auffallen. Freiheit und Selbstbestimmtheit wurden zu Fremdwörtern für mich. Denn wie frei kann ein Ich sein, das sich in einer unmöglichen Identität befindet, wie Zadie Smith es in ihrem Essay Das Ich, das ich nicht bin bezeichnet: „Mir scheint, als würden Menschen, die unmögliche Identitäten erleben (…), eine entsetzliche Spannung in sich aufbauen. (…). Das Seil in uns ist so straff zwischen scheinbar unvereinbaren Polen gespannt, dass wir glauben, es zerschneiden zu müssen. Meistens ist die Gewalt nur innerlich: Wir töten einen Teil von uns. Wir schneiden uns diesen Teil heraus und leben verstümmelt weiter.“
Auch ich brauchte einige Anläufe
CanGrund ohne Boden nach äußerer Bestätigung verlangte. Glatt war meine Oberfläche, an der sich wenige reiben konnten. Wenn ich versuchte, in Beziehungen diese Oberfläche brüchig werden zu lassen, erfuhr ich Zurückweisung.
ern lernten sich in der Blüte Jugoslawiens in Belgrad kennen. Gemeinsam beschlossen sie, auf Zeit nach Deutschland zu gehen: in ein für sie fremdes Land, wo ihre gemeinsame Sprache, Kultur und Vergangenheit das Alleinstellungsmerkmal ihrer Liebe wurde. Das wurde umso stärker, als sie aus der Ferne erlebten, wie das Konstrukt Jugoslawien, in dem sie aufgewachsen waren, sich zersetzte.
Ich lernte, dass Liebe der einzige Ort war, an dem Schutz und Vertrauen herrschte. Der Gründungsmythos meiner Eltern zeigte mir, dass die romantische Zweierbeziehung das ultimative Ziel zu sein hatte. Eine Erzählung, die sich reibungslos in die der Gesellschaft einreihte, die aufwachsenden Frauen bewusstmacht: Das Leben ist hart, bis du deinen Prinzen findest. Denn die Liebe heilt alle Wunden.
In einer Sequenz des Theaterstücks Like Lovers do (Memoiren der Medusa) von Sivan Ben Yishai spricht ein fünfstimmiger Chor von Freundinnen: „Unsere Köpfe ganz nah beieinander über dener den Eisbecher gebeugt, wie eine große Blütenknospe, die sich noch nicht geöffnet hat, stellten wir uns vor, wie es sein würde, groß zu werden, und wie der Mann unserer Träume aussehen würde.“ Das, was im Kontext des Theaterstücks als heteronormatives Klischee junger Mädchenfantasien aufgedeckt wird, war die Wirklichkeit, in der ich aufwuchs.
ln Maid wird der nicht lineare Weg der Protagonistin zu ihrer Selbstermächtigung erzählt. Wir beobachten, wie Alex immer wieder stürzt, aufsteht, einknickt, sogar in die toxische Beziehung zurückkehrt und endlich einen finalen Weg herausfindet. Die meisten Frauen brauchen sieben Versuche, bis sie endgültig gehen, sagt die Leiterin des Frauenhauses in der Serie. Und ja, es ist ein langsames Erwachen. Auch ich brauchte einige Anläufe, bis ich mich traute, über die Erfahrungen aus meinen Beziehungen zu erzählen. Zu lernen, mir einzugestehen, dass Sätze wie: „Du bist eben keine klassische Schönheit“ oder „Muss mit dir immer alles so kompliziert sein?“ mich verletzen. Anzuerkennen, dass nicht ich ein Problem darstelle.
Auch wenn der Aufbau gedanklicher Gebäude für marginalisierte Gruppen in der Gesellschaft nur schwer voranschreitet, gibt es geschützte Räume, in denen Erfahrungen sprechbar gemacht werden. Ich fand einen solchen Raum in der Literatur. Ein Ort, an dem ich mich erfahren darf, ohne dass mir jemand vorschreibt, wer ich zu sein habe.
Laut Zadie Smith kann ein Kind, das sich in seinem Ich nicht zu Hause zu fühlt, viele negative Gefühle dazu entwickeln, aber auch deutliche Vorteile erfahren. Sich als zufälliges Wesen betrachten zu können, zum Beispiel. Oder keine Angst mehr vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Zerrissenheit zu haben und über sie sprechen und, in meinem Fall, schreiben zu können.
Aber der allererste und schwerste Schritt ist, das Schweigen zu brechen. Denn „(m)ein Schweigen hatte mich nicht geschützt. Euer Schweigen wird euch auch nicht schützen“ (Audre Lorde).