wellenbrechen

Erschienen in Tippgemeinschaft 2020 – Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, Connewitzer Verlagsbuchhandlung
ISBN: 978-3-937799-97-1



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das bike is so geil alle sind neidisch drauf und die ollen stehn drauf stehn auf mich so richtig hart diese ganze spasten die kunst gucken kunst machen geiern aufs rad auf mich wollen alle so sein wie ich wie wir aufgeblasene fische die nicht wissen dass das bike nicht mir gehört aber weiß ja keiner wird nie einer wissen weil sie so sein wollen wie das bike wie ich: ein original
is ja keiner mehr kennt ja keiner was das ist ein original wie der ossietzky oder der mühlenhaupt ideale hatten die wie anita berber die dicke helga oder die frau von der roten rose aber alle saufen haben gesoffen saufen sich zu tode so wie ich muss gerade fahren gerade linien fahren auf der linienstraße is schön hier wenns leer is am morgen in der nacht ohne die ganzen rolexleaser und aufgedunsenen titteneulen die mit ihren rattenhunden und schmatzenden egos die bürgersteige versiffen – wohin fahr ich wo wollten die anderen noch mal hin? wo is schlangenauge?
„Ey vik, wo lang?“
„alter, zu olli …“
„wo sind’n die anderen?“
„in der s-bahn?!“
blablabla is mir auch egal was der labert soll er halt vorfahren soll er halt mit seinen dicken eiern ich weiß wo’s langgeht. wusst ich schon immer weiß ich auch jetzt. ich bieg hier ab und bin dann schneller augen auf augen auf den asphalt. mein mund is taub schneller schneller yallayallayalla ich will bier was zu saufen der jägi in meiner tasche gehört mir allein will ja nicht nüchtern
werden. soll ewig so weitergehn sich weiterdrehn scheiße ich will zu schlangenauge die is keine schlange ohne sie ist der abend kaputt. wo is die jetzt? die grenze verläuft nicht zwischen den völkern, sondern
zwischen oben und unten wieso sitzen die noch unten warum sind die nicht schon oben?
„was macht ihr da?… gibt’s bier?“
„olli holt bier. dann gehn wir aufs dach. entspann dich …“
entspann dich kann nich ich will weiter hoch weiter saufen heute will ich nich allein sein wo sind die anderen? auf dem dach is sie da? sie is da sie muss da sein da is sie die kiste sternburg durch die tür hoch hinterher
was mach ich hier eigentlich? wird schon hell scheiße ich hasse das soll mir keiner anmerken ich muss später zu baba anne die wird merken dass ich durchgemacht hab wird mich wieder so angucken wie ein trauriger hund und mich dann hart anbellen stufen hoch hoch höher hören die jemals auf?
scheiße riechts hier die sprühfarbe an der wand ist noch frisch fuck meine beine brennen warum kann ich nicht einfach nach hause gehen? was man anfängt bringt man zu ende und schlangenauge geh weiter oben gibts alk und alles was du brauchst frankies zimmer war auf der etage glaub ich der geile typ. haben uns das brain weggekifft und musik gemacht die ganze nacht fuck frankie hier waren wir frei frei und wollten was reißen hast dich einfach verpisst mit deiner ollen oben spielt mukke lauter die letzte
treppe vik is heiß ich kann mich nicht mehr halten nich hinfallen komm schon KOMM SCHON
das dach is riesig woher kommen die alle am saufen labern tanzen
auf viks iphone zersetzen weiße linien den screen ich wills dann kann ich
wieder wo is sie? is sie weg? ich muss weg hier aber wohin? erstmal bier das gehört mir jägi rein geile mische die knallt da is sie mit sara warum will ich zu
ihr? schlangenauge die sind so crazy blau mit gelben punkten wie schlangenaugen hab ich gesehen im zoo im reptilienhaus immer glotzt die mich so an steht auf mich weil ich geil bin ich glotz sie ja auch an schon wieder ich hol ihr bier aber vorher noch ein bähnchen.
„… hier.“
mein kopf is schwer und hart will ich stehen will ich sitzen oder stehen fuck ihre haut is so schön sie is so schön ich will sie angucken nich blinzeln schlangenauge.
„Ach und für mich nicht? Na danke … egal also ich war
dann allein, in diesem Wald bei der Nordsee, hab einfach das
Auto von der Produktion genommen. Hatte krass keinen Bock
mehr auf die Leute am Set, voll anstrengend eben nicht in
Kamera zu gucken, weisst du? Naja, bin dann halt in den
Wald, alleine. Dann hab ich diese Hasen-Familie gesehen,
voll cute. Hab die zwei Stunden beobachtet. Vielleicht wars
auch weniger, aber hat sich wie ne Ewigkeit angefühlt. Hab
fast geheult, das war so real, so pur.“
sara labert wieder nur scheiße gefickt hab ich sie aber jetzt will ich ans wasser in die wellen die einen tragen ich fühl sie weitersaufen abtauchen niemals aufhören sie küssen schlangenauge schau mich an ihre augen durchbohren
mich stehn auf packen meine hand alle stehen auf die mukke is laut lauter. bewegen drehen alles dreht sich alles is blau ich bin unter wasser jeder stirbt für sich allein nur hier sind wir zusammen einmal wie es nie wieder sein wird morgen gibts nicht weil morgen ist fuck die sonne geht auf auf meiner haut auf unserer haut ein geiler tag ich will bei ihr sein ihre haut spüren nah sein in ihr auf ihr nur so pack ich das.

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Ein Scheiterhaufen der Feuer fängt. Die Flammen zucken durch den blauen Dunst. Auf glühenden Kohlen tanzen Schatten, ein Feuerengel dreht seine Kreise. Sieht denn niemand, riecht denn keiner was hier vor sich geht? Der Rauch greift wellenschlagend um sich. Körperteile erscheinen, verschwinden. Die Luft, sie schwindet, verglüht, verbrennt die Haut, die Haare, lichterloh und alles steht in Flammen.
Sie reißt die Augen auf und blinzelt in das gleißende Licht. Sie dreht ihren Kopf zur Seite, ihre linke Gesichtshälfte auf dem heißen Boden. Die Sonne brennt vom Himmel – es ist vermutlich Mittag. Die nackte Haut im Gesicht, am Hals, an Armen und Waden glüht, spannt unangenehm. Ihr Oberteil fühlt sich steif und klamm an, es pappt an ihr; so wie die Zunge an ihrem Gaumen. Ihre Augen gewöhnen sich langsam an das Licht. Sie ist auf einem offenen Plateau, der Boden glänzt wie raues Sandpapier. Über ihr nur blau. Sie vernimmt ein Raunen.
Im Schatten eines Holztisches liegt ein Kopf, ein zusammengerollter Körper, nur wenige Meter entfernt. Fettige Locken verdecken die halbe Seite seines Gesichtes, aus der ein schwarzes, blutunterlaufenes Auge sie anstarrt.
Eingebettet in rot-braun zerfurchte Haut, die an frisch verbranntes Fleisch erinnert. Sie kann den gärenden Geruch seines Atems, der durch seinen offenen Mund und Zahnlücken fließt, förmlich spüren.
„Komm ma‘ besser aus der Sonne.“
Träge rollt sie ihren Körper zur Seite und hievt sich auf alle Viere. Sie krabbelt unter den Tisch und lässt nachgiebig ihre Glieder neben ihn, ganz nah, wieder auf den Untergrund fallen.
Das Dach ist ausgestorben. Zu sehen sind die Überreste von braunen Glasflaschen, teils zerbrochen, wo noch sternbeinfarbenes Bier schimmert. Gelbe Stummel, Asche und die leere Hülle eines Bengalos erinnern an die Stunden und Gesichter von gerade, vorhin, von gestern. Ein Junge, der im
Haus wohnt, hat sie eingeladen. Kannte sie nicht. Als sie in der S1 Richtung Potsdam saßen, es schon dämmerte und keiner wollte, dass es endete. Irgendwer sprach was vom Sonnengott, dem gehuldigt werden sollte. Von Angesicht zu Nichtgesicht. Und so landeten sie dann mit vier Kisten Bier, mehreren Pullen Sekt und einem Holztisch auf diesem Dach. Sara hat
sie überredet mitzukommen. Als die Leute von dieser Kunstszeneparty schon alle in der Ecke lagen und sie mit Stielaugen angafften. Meinte, dass es geil wird. Sie sich nicht so zieren sollte, nicht immer so kontrolliert sein sollte. Und die Streuner auch kämen, die Jungs aus dem Kiez. Sara weiß nicht, dass sie auf ihn steht. Sie kennt Sara ja noch nicht lange. Bei einem gemeinsamen Bekannten saßen sie nebeneinander auf der Couch und betranken sich mit Litschi-Saft auf Prosecco. Danach liefen sie total besoffen zur Museumsinsel und fotografierten sich nackt zwischen den Wasserspeiern. Eigentlich fotografierte sie nur Sara. Sie selber schämte sich zu sehr. Hat Sara gar nicht gemerkt, für sie war das kein Problem. Alle stehen auf sie und sie arbeitet beim Film, als Schauspielerin, was noch hinzukommt. Tut immer so, als würde sie die Hauptrollen spielen, obwohl sie dann doch immer nur die Nebenrollen, als Barmädchen am Tresen oder so, spielt. Sie ist aber eine von denen, sie
gehört dazu. So wie sie selbst gerne zu etwas gehören würde. Aber ihr Früher, das würde sie am liebsten in einer dunklen Ecke verrotten lassen.
Er stützt sich vorsichtig auf seine Unterarme. Sein Blick schweift umher und bleibt an einer halbvollen Flasche Bier kleben. Pisswarm muss die sein. Er krabbelt unter dem Tisch hervor, springt auf und setzt an. Sie kennt ihn. Von Partys und aus dieser einen Bar, im Kiez, wo sie immer sind. Er und seine Jungs. Irgendwann war sie oft genug dort gewesen, dass man sich kannte. Eingespielte Begegnungen, die in unehrlichen Umarmungen enden. Er ist meist betrunken, sie vermutlich auch. Schlangenauge, nennt er sie. Sie mag es, wenn er sie so nennt. Er, der ständig in Bewegung ist. Seine Arme, Beine und Sprache in alle Richtungen schleudert. Nur manchmal, wenn er kurz innehält, einatmet, fällt sein Gesicht zurück ins Dunkle, dahin wo sein Blick sich
verliert. Sie hat es ein paar Mal gesehen, vielleicht, weil sie den Moment selbst kennt. Vielleicht, weil sie sich wünschen würde, dass ihn jemand bei ihr erkennt. Sie beobachtet, wie er die Flasche leert. Fetzen des gestrigen Abends kommen ihr hoch. Ihr wird schlecht. Was macht sie hier? Scham überfällt sie. Sie muss hier weg. Unsicher rappelt sie ihren Oberkörper auf, reibt ihre Waden. Auf einmal fühlt sich alles falsch an. Wie sie hier im Siff sitzt, vergessen, mit ihm. Sie greift in ihre Hosentasche. Ihr Handy ist aus. Er beugt sich zu ihr, nimmt ihre Hand, ganz hastig, verschwitzt. Er will sie vom Gehen abhalten. Sie nimmt schweigend an, legt ihren Kopf auf seine Knie. Bloß nicht alleine sein.
„Lass weg hier, zum See.“
Sie nickt, matt. Er lässt ihre Hand los. Sie hat vergessen, wie sie hier hochgekommen sind. Sie beobachtet ihn, wie er zur Falltür geht, sich drüber beugt und den Griff umfasst. Er zieht und nichts bewegt sich. Er rüttelt noch mal und nichts bewegt sich.
„Ey…. FUCK! Die ist zu! Scheiße. SCHEIßE!!“
Sie steht auf, geht zum Rand des Daches. Sie hört die Autos unten auf der Straße.
„Kannst du die Sirenen singen hören?“
„Meinste den Krankenwagen, oder was?“
„Nein, ich meine die Sirenen, die aus den Wellen zu uns
singen. Hör mal genauer hin.“
„Alte, was du laberst … Was machen wir denn jetzt?!“

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