You’ll never walk alone


Erschienen in Herz & Rasen – 11 Geschichten über Fußball
Tropen Verlag, ISBN: 978-3-608-50428-5


***
Die Lichtstreifen legen sich quer auf den billigen Teppichboden. Wie kleine Risse zerteilen sie den Stoff.
Mit halbgeöffneten Augen liegt Vuk auf der Matratze. Er dreht sich auf den Bauch und der nackte Stoff unter ihm fühlt sich seltsam glitschig an. Schwerfällig hievt er sich an den Rand und setzt sich auf: Füße auf den Boden, den Kopf legt er in die Hände. Er war gestern Abend noch bei Karin im Bosch. Sollte eigentlich nur ein Bier werden. Aber dann hat Karin mit ihrer durchrauchten Stimme gesagt: Ach Wölfken, bleib doch noch, auffen Bierchen. Aus zwei wurden vier wurden acht. Das nächste Bier wird helfen.
Um 15:30 Uhr geht’s los. Heute geht’s um was.
In der linken Tasche seiner Jogginghose ertastet er eine Schachtel JPS. Im Flur wirft er sich eine Jacke über, zieht den Schlüssel aus dem Schloss und schließt die Tür hinter sich zu. Seitdem er Kalle im Haus hilft hat er den Schlüssel fürs Dach. Die zwei Stockwerke läuft er nach oben. Faul ist er nicht geworden. Der Himmel über ihm ist bedeckt, ein Luftzug peitscht ihn noch mal wach. Der Kies knirscht unter seinen Füßen und er lehnt sich über den Vorsprung. 90 Meter geht’s runter. 19 Stockwerke. Selbstmörderhaus. Dreckshaus. Weißer Riese.

Für Jasmin ist er hier eingezogen.
Für seine Jasmin. Er sieht sie vor sich, wie sie damals im Flash an der Bar stand. Ihr Oberteil erinnerte an eine Schlangenhaut, die kurz über dem Bauchnabel endete. Er konnte nicht aufhören sie anzustarren. Irgendwann, nachdem er genug getrunken hatte, sprach er sie an. Sie verzog den Mund zu ihrem Lamm-im-Wolfspelz Lächeln und schrieb ihre Nummer auf seinen Unterarm. Vuk rief sie am folgenden Tag an. Jasmin wollte viel und das sagte sie auch. Und sie wollte Vuk. Sie heirateten nach nur 7 Monaten. Als sein Vater starb, mochte sie es plötzlich nicht mehr in der Zechen-Siedlung. Verkauften das Haus und zogen um. Schick wollte sie es. Hoch hinaus wollte sie. Ins City-Hochhaus mit den spitzen Balkonen und ohne rechte Winkel.

Vuk blickt auf die Tetrislandschaft aus braungrauweißen Klötzen und zu den zwei Stadtkirchen, die spitz in den Himmel ragen. Vuk zieht fest an seiner zweiten Kippe, der Rauch in seinen Lungen brennt. Sein Vater starb vor sieben Jahren, Diagnose Lungenkrebs. Vermutlich der Staub. Der, den man nicht sieht, aber der sich einfrisst. Er wollte nicht in der Heimat begraben werden, die er verlassen hatte. Die gab’s ja eh nicht mehr. Hier, das war sein Zuhause. Eine Grubenlampe haben sie ihm noch mit ins Grab gepackt. Wenigstens hat er so die Feierschicht letztes Jahr nicht mitbekommen, bitter war das. Nie wieder Zeche Hugo, da hilft auch keine Barbara.

Die Glocken der Kirchen fangen an zu läuten.
Um 15:30 Uhr geht’s los. Heute geht’s um was.
Vuk schnipst die Kippe in den Kies. Er mag es da oben, wahrscheinlich das einzig Gute an der Bude.
In der Wohnung zieht er sich aus und geht duschen.
Als er fertig ist, wischt er den Wasserdampf vom Spiegel und schaut sich an: eingefallene Wangen, die seine Nase mit den aufgeplatzten Äderchen noch mehr hervorheben. Kommt vom Schnaps. Er greift zur Zahnbürste in der Schalke-Tasse. Ein Geschenk von Jasmin. Einfach verpisst hat die sich. Kurz bevor die Zeche schloss. Ständig geweint hat sie. Er habe keine Zeit für sie, nie würden sie ausgehen. Ins Theater oder mal was Schickes essen. Wir kriegen das hin, die Jasmin und ich, dachte er damals. Das lässt sich hinbiegen. Dann war sie auf einmal weg. Mit all ihren Sachen. Der Brief hat am Spiegel geklemmt. Er hat ihn nach dem Stadion gefunden. Im Internet hatte sie den Typen kennengelernt. So’n Prolet aus’m Norden. Beim Spiel gegen Dortmund hat er sich zum ersten Mal gekloppt. Hat dem voll eine gegeben. Für den Verein. Für Jasmin. Scheiß Zecke. Aber scheiden will er sich nicht. Für ihn wird’s eh keine andere mehr geben.
Sein Spiegelbild schaut ihn angewidert an, Zahnpasta-Schaum quillt aus seinem Mund. Feste zieht er die Nase hoch und spuckt in sein Spiegelbild.
Aus dem Schrank greift er sich ein Unterhemd und eine Feinripp-Unterhose mit Eingriff, zieht seine zerbeulte Jeans und das Trikot mit der 7 an. WOLF steht in beflockten weißen Lettern darauf. Ein Geschenk von den Kumpeln. Eine graue Kapuzenjacke drüber, Schal und Käppi, beides in königsblauem S04. Das muss reichen. Er ist ja kein Kutten-Assi. Fein säuberlich liegen seine Arbeitsklamotten in einem eigenen Fach. Obendrauf der Helm und das rote Halstuch. Durfte er mitnehmen, nach der letzten Schicht. Als Erinnerung. Er verlässt die Wohnung und steigt in den Aufzug. Unten läuft er in den dunklen Hinterhof und raus auf die große Straße, die sich in der Glasfassade vom Musiktheater spiegelt. Sie wollte ja nie mit zu den Spielen.
Noch ist es hier ruhig, aber bald wird sich die ganze Stadt bewegen, in Richtung Stadion oder zur Kneipenmeile – wie eine blau-weiße Welle. Die 302 wird im Minutentakt fahren, so voll, dass kein Blatt Papier mehr zwischen die Leute passt. Heute ist der letzte Spieltag. Heute geht’s um was.
Vuk lässt das Musiktheater hinter sich und biegt in eine stille Seitenstraße ein. Die nächste muss er links, auf die laute Kurt-Schumacher-Straße die zur Kampfbahn führt und dann über den Rhein-Herne-Kanal und die Emscher wo es nach Buer weitergeht, zur Zeche Hugo, die jetzt zu ist, zum Wetterschacht 8, wo er aufgewachsen ist und wo jetzt saniert wird. Der Wetterschacht, das war sein Zuhause. Und sein Streb, auf Sohle 6. Die Kampfbahn. Die gibt’s ja noch, aber die neue Arena ist ja schon gebaut. Noch ein Abschied. Zum letzten Mal Parkstadion. Heute, da geht’s um was.

Es war dunkel, als sie in diesem Kirrrchen, wie sein Vater es nannte, ankamen. 71 war das. 30 lange Stunden waren sie mit dem Auto gefahren, hinten lag der große rote Koffer mit all seinen Sachen, den Opa Mirko ihm geschenkt hatte. Die Monate davor hatte er bei Opa Mirko und Oma Zora gewohnt, nach dem Mama plötzlich weg war. Einfach so. Hat ihn bei den Großeltern abgesetzt, wie immer, wenn sie wegen der Arbeit länger weg musste, ihm einen flüchtigen Kuss gegeben und bis in zwei Tagen gesagt. Nur kam sie ihn nach zwei Tagen nicht abholen. Aber Papa würde kommen, sagte Oma Zora, aus dem weiten Deutschland. Und Papa kam.
Als sie dann in die kleine Straße einfuhren, zeigte sein Vater ganz stolz auf die Nummer 8. Vorm Haus wartete eine fremde Gruppe Männer mit rußigen Gesichtern. Vuk verstand nicht, aber sie klopften ihm und Papa auf die Schultern und lachten mit weißen Zähnen. Papa lachte auch, so wie er ihn lange nicht mehr hat lachen sehen. Am nächsten Tag lief Vuk durch die kleinen Straßen mit den gedrungenen Häusern, die wie die Gesichter der Männer einen staubigen Anstrich hatten. Er hörte Hähne gackern, sah einen Käfig mit Kaninchen. Es roch nach Kaffee und in einem Hinterhof lag ein aufgeplatzter Lederball.
Die Männer vom Vorabend waren seine Arbeitskollegen, eine kleine Familie, sagte Papa. Und dass er noch eine Überraschung für ihn habe.

Bei der Kampfbahn angekommen, sieht er schon die Kutten-Jungs. Manni hat wieder seinen Wikinger-Helm auf und spuckt Töne. Vuk biegt ins Bosch ab. Noch ist Zeit. Er setzt sich an die Theke, dorthin, wo er immer sitzt. Gleich neben Ernst Kuzorras Stammplatz. Karin steht wieder an der Theke. Er beobachtet sie, wie sie mit ihren faltigen Händen die großen Biere zapft, bis die Schaumkrone perfekt sitzt. So wie ihr stark blondierter Pony sich perfekt auf ihre Augenbrauen setzt. Sie trägt zu viel Lippenstift, den sie auf ihren Nagellack abgestimmt hat: pink. Ihr T-Shirt ist eng und weiß und ein bisschen zu klein. Der Ausschnitt legt ihren riesigen Busen frei. Die blauen Strass Steine glitzern unregelmäßig, während sie sich im Licht bewegt.
„Schätzeken, hasse wieder die Euter ausgepackt? Darf ich mal ranne, sollen ja Glück bringen …“, lacht Ronny schallend, als sich Karin zu ihm beugt und ihm sein Bier serviert. Er geiert in ihren Ausschnitt.
Karin kommt zur Theke und verdreht die Augen. Ist nichts Neues, weder für sie noch für Vuk. Er hat sich deswegen schon ein paar mal mit den anderen Säufern angelegt.
„Soll ich ihm eine Kopfnuss verpassen?“
Das R rollt ihm immer noch schwer über die Zunge. Hat er sich nie richtig abgewöhnen können.
„Ach wat, nicht heute Wölfken. Der is’ doch nur aufgereeecht…“
Sein Blick wandert über die abgegriffenen Wimpel mit dem blauen Schlegel auf dem in weiß S04 zu lesen ist. 1997 UEFA-Cup Sieger. Das letzte Mal Meister in ’58. Aber heute könnte es soweit sein.
„Wölfken, wat sachse? Heut packen wir das, ne? Scheiß Bayern. Aber der HSV haut die wech. Und wir schießen Unterhaching in die zweite Liga.“
Ronny schlägt Vuk fest auf die Schulter.
„Die Jungs müssen dat schaffen, für uns! Hörse? Für uns! Scheiß Vorruhestand. Schätzeken, machse uns mal zwei Verträumte? Und für dich und deine zwei Melönchen auch einen, auf meinen Deckel!…“
Ein paar Spucke-Tröpfchen landen auf Vuks Handrücken. Langsam kippt er den dickflüssigen, schwarzen Likör runter.

Er und Ronny haben beide auf Sohle 6 gearbeitet. Schweigend haben sie im schwarzen Stein geschwitzt und gestoßen. Im Lärm und Ruß und fallendem Geröll. Nackt haben sie nebeneinander in der Dusche gestanden. Nach der Schicht in der Kaue gesessen und auf das Geschaffte angestoßen. Die körperliche Arbeit, die in den Armen, Beinen, im Gesicht zu spüren ist. Von der man gezeichnet ist. Auf die man stolz ist. Das schweißt zusammen. Jetzt weiß er nicht mehr, über was er mit Ronny reden soll.
Auf einmal war alles weg, von einem Tag auf den anderen. War klar, dass die Zeche nicht ewig laufen würde, das wusste man schon lange. Aber doch nicht so.

Das frühe Aufstehen am Morgen wurde auf einmal überflüssig, weil es nichts gab, wohin er musste, und nachdem Jasmin weg war, gab es keinen Grund mehr, die Abende nicht länger werden zu lassen. Diese Leere, die immer größer wird. Nur im Stadion an Spieltagen, da war irgendwie wieder alles in Ordnung.
Die Kneipe wird immer voller.
Scheiße. Scheiße. Verdammte Scheiße. Heute, das muss was werden. „Los, ab ins Stadion..“, schreit einer und Vuk folgt der Meute.

Es war ein sonniger, kühler Tag. Sein Vater legte ihm einen Schal um. Sie liefen zu einer großen Straße, die laut und breit und aufregend war. Alle trugen blau-weiße Schals, Flaggen und Fahnen, die im Wind flogen. Aufgeregte Gesichter von Eltern, Kindern, jungen und alten Leuten. Gemeinsam, unverkennbar, vereint durch die Farbe. Und sein Schal fügte sich ein.
Noch nie hatte er einen so großen Rasen gesehen! Noch nie so hohe Flutlichter! Noch nie hatte er so viele flimmernde Köpfe gesehen! Sein Papa kaufte ihm Pommes, die einen Fettfilm auf seinen Fingern hinterließen.
Auf einmal wurde es ganz still und die Fußball-Mannschaft lief auf den Platz. Sie stimmten zusammen ein Lied an, das er nicht kannte und sein Vater summte mit. Vuk wollte diesen Moment festhalten, in seinen hohlen Händen. In seinem Bauch kribbelte es ganz doll und er merkte, wie sich aus den schwappenden Pappbechern das bitter-riechende Getränk in seiner Jacke festbiss. Als das erste Tor fiel, schrien alle um ihn herum, umarmten sich, klatschten gegenseitig ab und ein fremder Mann hob ihn in die Höhe. LI-BU-DA. Vuk hob seine Arme und schrie mit.

Jetzt knallt die Sonne. Kaum eine Wolke ist mehr am Himmel. Die zerfahrene Tartanbahn schmiegt sich an den Rasen. Der Beton auf den Rängen ist verdeckt durch ein Wimmel-Bild von Menschen, Fahnen, Bannern. Königsblau auf Königsblau. Hoch auf den Zäunen bis in die Baumkronen lagern durstige Fans, die seit 43 Jahren warten. In der Nordkurve trommelt sich Catweazle warm. Die Choreografie für heute steht. Über den Himmel zieht ein Flugzeug mit einem Banner.
„D-A-N-K-E P-A-R-K-S-T-A-D-I-O-N“, buchstabiert ein kleiner Junge laut vor. Sein Vater tätschelt ihm den Kopf und verschüttet dabei ein bisschen Bier auf seine Hose. Ein paar Reihen darüber schminken sich zwei Frauen gegenseitig S04 auf die Wangen. Auf der Bahn reihen sich Fans in Polonaisen aneinander. Noch ein Banner:
Tschüss Parkstadion – Danke für allet!
„Auf geht’s, Schalke!“
„Schalalala- SCHAL-KE!“, ist aus unterschiedlichen Ecken zu hören. Schaumgetunkte Schnauzer grinsen über Lippen, die ganz feucht vom ockerfarbenen Bier sind. Vuk spürt das Holz unter seinen Füßen knarzen. Er hat sich ein Bier geholt und sich von den anderen Männern entfernt.
Es wird still im Stadion. Die Mannschaften laufen ein. Reck, Nemec, Waldoch, van Kerckhoven, Asamoah, Sand, Böhme, Mpenza, Möller, van Hoogdalem, Hajto, Thon, Stevens, Assauer. Die Melodie setzt an. Alle stimmen ein. Vuk singt leise mit.

Glückauf, Glückauf! Der Steiger kommt
und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
schon angezünd’t, schon angezünd’t.

Eine Träne läuft ihm über die Wange.

Die Bergleut‘ sein kreuzbrave Leut‘,
denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht,
denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht,
und saufen Schnaps, und saufen Schnaps.

Sein Bier ist leer. Sein Nebenmann schüttet ihm was nach.
Anpfiff. Unterhaching geht in Führung. 1:0. 2:0.
Die Leinwand in der Südkurve ist kaputt. Einige haben Taschenradios dabei. Parallelschau ins Volksparkstadion zu Bayern gegen Hamburg. 0:0.
Die ersten gehen schon in Richtung Bierstand, als plötzlich Van Kerckhoven das erste Tor schießt. Trommelwirbel aus der Nordkurve: „ATTACKE“. Eine Minute vor Halbzeit: Asamoah prescht vorbei und schießt mit der Hacke ins Tor. 2:2. Die Bierstände laufen über. Das Adrenalin steigt. Vuk spürt dieses leichte Kribbeln in seinem Bauch. Er starrt auf seine frische Schaumkrone. Schalke muss heute gewinnen. Sie MÜSSEN. Anpfiff. Noch ein Tor für Unterhaching. 3:2. Die Spieler sind wie aufgezogen. Die Bewegungen auf dem Spielfeld fordern ganze Konzentration.
Freistoß Böhme. Der Verrückte. Zieht voll durch und… TOR!
Eine Minute später: Sand spielt Böhme frei. Böhme übernimmt. Böhme schießt. Und TOOOOOOOR!
Vuk schreit.
„VORWÄRTS SCHALKE!“
Er hebt den kleinen Jungen neben sich in die Luft. Ihm fällt die Mütze vom Kopf. Egal. Das ganze Stadion vibriert. Auf den Zäunen, in den Bäumen, überall wird gejohlt, gejubelt. Heute sind sie von der Sonne geküsst. Der zähe Kampfgeist. Es steht viel auf dem Spiel. Heute kommt alles zurück. Kuzorras Erbe. Ebbe Sand prescht vor, 90. Minute und 5:3! Menschen liegen sich in den Armen, ohrenbetäubendes Trommeln und Schreien. Das Stadion explodiert, es gibt kein Halten mehr. In Hamburg schießt Barbarez in der 90. Minute ein Tor gegen München, 1:0. Schalke ist MEISTER! BAR-BAR-EZ!

Vuk beobachtet die ekstatische Menge. Da wo es sich innen kalt angefühlt hat, ist es immer noch kalt. Endlich Meister. Er hatte nicht dran geglaubt. Er schaut auf den kleinen Jungen neben ihm. Er sitzt auf den Schultern seines Vaters, beide jubeln. Sie würden nach dem Spiel nach Hause fahren. Vielleicht würde er noch ein Autogramm von Mpenza auf sein Trikot bekommen. Der Vater würde ihn dafür über die Brüstung heben. Zu Hause würde die Mutter warten, freudestrahlend über den Sieg. Darüber, das ihre Männer wieder zu Hause sind, dass sie dabei sein konnten. Sie hätte den Grill angeschmissen und feine Kräutersteaks gemacht. Mit Kartoffeln und Remoulade. Die Flasche Sekt würde sie aus der Kühlung holen, zur Feier des Tages. Sie würden ihr aufgeregt vom Spiel erzählen. Von Böhme, dem Verrückten. Und der kleine Junge würde zu Bett gehen, mit dem Gefühl etwas wirklich Wichtiges miterlebt zu haben.
Vuk würde zu nichts nach Hause gehen. Nichts was ihn erwartete, nichts was noch kommen würde. Er war einer von Gestern.
Er fühlt sich seltsam entrückt, als würde er seine Umgebung durch Augen-und Ohrenschützer wahrnehmen. Drängelnd schiebt er sich durch die euphorische Masse, droht unterzugehen. Er kann hier nicht mehr sein. Er rennt los.  
Karins blondierte Mähne strahlt ihm vom Bosch entgegen. Sie zieht feste an einer Zigarette und winkt ihn zu sich.
„Du siehst ja aus wie 7-Tage-Regenwetter! Wölfken, WIR sind Meister! Wir stoßen jetzt mal an. Man, dat war ein Spiel… drin ist die Hölle los.“
Vuk folgt Karin in die Kneipe. Hinten in der Ecke spürt man noch die Aufregung der letzten Minuten. Aber vorne, beim Fernseher ist es ganz still, verdutzte Mienen in denen sich der Bildschirm spiegelt.
Vuk setzt sich schnell an seinen Platz an der Theke. Hamburg ist noch nicht vorbei, sagt jemand zu Karin. Sie schauen grade die Übertragung aus dem Volksparkstadion. Es wurde also noch nicht abgepfiffen.
Aber warum? Wir sind ja noch gar nicht …
94. Minute.
Andersson hat den Ball, zieht mit ihm nach vorne. Nur noch wenige Sekunden und er schießt. 1:1 für Bayern.
Von drüben ballern sie weiter die Feuerwerke in die Luft. Sie wissen es noch nicht. Aber es gibt sie, die ewigen Verlierer.
Niemand sagt etwas. Draußen wird es auch immer leiser. Ein unangenehmes Schluchzen durchbricht die Stille.
When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark

dröhnt es aus dem Stadion bis in die Kneipe rüber.
Ungläubiges Schütteln, Köpfe, die auf Tischen liegen, hängende Arme, von denen die Schals wie zusammengefallene Müllsäcke über den Boden schleifen.
Auf einmal durchbricht Karins Stimme die Kneipe: „So, jetzt is Feierabend mit Trübsal blasen. Erstma’ gibt’s ne Runde Korn aufs Haus!“
Vuk schaut auf die Innenseite seiner Hände. Seine Schwielen sind immer noch da. Er legt seine Hände zusammen und fängt langsam an zu klatschen. Hände um Hände reicht sich das Klatschen weiter bis es in einem lauten Gejubel für den Verein, für die Knappen, für Karin endet.
Karin schaut ihn grinsend an und holt die Kornflasche aus dem Regal. Das erste Pinnchen stellt sie vor ihn.
„Ich sachs dir, weitermachen. Einfach weitermachen. Anders geht’s nicht.“

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